200 Jahre Marx

Marx Schwäche – Ein Kommentar

Marx Schwäche

Von Philipp Thimm

„Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt“ (Karl Marx)

Das ist ein gewaltiges Zitat von Karl Marx. Das menschliche Bewusstsein wird definiert durch die gesellschaftliche Position des Individuums. Es zeigt die große Schwäche des Karl Marx, des einflussreichen deutschen Philosophen aus Trier. Zumindest, wenn man es so deuten will. Das Handeln der Menschen scheint gesellschaftlich festgelegt zu sein, wodurch das Individuum, aus marxistischer Perspektive, nur bedingt Einfluss auf sein eigenes Handeln nehmen kann. Wenn man als Person in einer bestimmten Klasse geboren wird, besitzt man auch spezielle, klassenzugehörige Eigenschaften, die wiederum dazu führen, dass man so handelt, wie man eben handelt. Sozialisation spielt bei Marx eine relevante Rolle.

Gepaart mit der geistigen Prägung der Hegelschen Dialektik lässt sich ein interessantes Gedankenspiel ableiten. Die Dialektik ist bei Hegel als eine Methode zu verstehen, die, grob skizziert, Denken als Bewegung beschreibt. Marx und Engels übernahmen diese Herangehensweise auf spezifische Weise. Doch erstmal kurz zu Hegel, den Marx beispielsweise durch den Theologen und Linkshegelianer Bruno Bauer kennenlernte. Hegels Dialektik besitzt drei relevante Komponenten, wobei ich mich auf neomarxistisches Vokabular beziehe, denn Hegel selbst benutzte diese Wörter, so wie ich das sehe, nicht: Die erste Pointe ist die These. Darauf basierend entwickelt sich auch immer eine Antithese, also eine radikale Gegenposition zur These. Im Rückblick auf diesen konfrontierenden Widerspruch kann Marx beispielsweise die Bourgeoisie durchaus als revolutionäre Kraft bezeichnen, denn diese stellte zu Zeiten von Marx die Antithese zum vorherigen Stil der feudalen, patriarchalischen Welt dar. Diese altertümlichen Strukturen wurden dabei durch die Bourgeoisie und deren „egoistischer Berechnung“, wie es Marx und Engels im Manifest der kommunistischen Partei ausdrücken, ersetzt. Das ist im Übrigen ein treffender Beweis dafür, wie symbiotisch Biographie und Werk von Karl Marx eigentlich sind und mit welcher engmaschigen Dependenz beide Hand in Hand gehen. Doch zurück zur Dialektik: Sowohl die These als auch die Antithese können sich langfristig nicht halten. Der radikale Konflikt zwischen beiden Seiten führt zur Aufhebung, also zu einer Negierung der konkurrierenden Ansichten. Jedoch negieren sie nicht komplett, sondern beide bestehen weiter, nämlich in der Synthese, welche ein Produkt der aufgehobenen These und der Antithese darstellt. Marx und Engels übertrugen diese dialektische Methode von Hegel beispielsweise auf ihr Geschichtsbild. Hierbei wird im Übrigen klar, warum der Tag X, also die kommunistische Revolution, unausweichlich wird. Er stellt die Synthese im geschichtlichen Prozess dar.

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Philipp Thimm ist Mitgründer und Redakteur von „Sparrow – Das Politjournal“

Was bedeutet das alles nun für das Individuum? Man scheint kaum Möglichkeiten zu besitzen, irgendwie auf das Geschehen Einfluss nehmen zu können. Es kommt wie es kommt und daran kann man nichts ändern. Im Hinblick auf diesen vorgegebenen Prozess besteht für Marx und Engels ihre Welt aus zwei Lagern, der Bourgeoisie und dem Proletariat. Die Rolle des Staates wird im Kontext dieser Lagerbildungen herabgestuft, denn nun ist er, so Marx und Engels, nichts weiter als ein Ausschuss, der die Geschäfte der Bourgeoisie verwaltet. Der Mensch als Individuum wird in diese Welt hineingeboren, entweder in die eine, oder in die andere Klasse. Das Handeln der Akteure ist darauf aufbauend gesellschaftlich konstituiert. Es gibt nur marginalen Spielraum, sich aus seiner Klasse zu befreien. Wenn Du dort geboren bist, besitzt Du spezielle Eigenschaften und handelst entsprechend. Die Sozialisation Deiner Klasse prägt Dich, zu 100%. Pierre Bourdieu beispielsweise, ein klassischer Neo-Marxist, entwickelte darauf basierend seine berühmte Habitustheorie. Die Sozialisation prägt das Handeln des Individuums maßgebend. Hatte Marx unrecht? Ich behaupte nein, nicht unbedingt. Wir alle sind gesellschaftlich geprägt, geben uns beispielsweise bei der Begrüßung die Hand. Wir wachsen generell mit kulturell unterschiedlichem Gedankengut auf. Das stimmt durchaus. Aber: Dass eine solche marxistische Sicht auf die Welt nur eine Brille auf das Handeln der Menschen ist, zeigen beispielsweise die Existenzialisten mit einer, wie ich finde, ebenso einleuchtenden Gegenposition. Schon der dänische Philosoph Sören Kierkergaard erkannte diese deterministische Komponente, damals bei Hegel, und merkte schnell, dass ihm das nicht passte. Ein spannender Ansatz, der letztendlich im existenzialistischen Höhepunkt, bei Jean-Paul Sartre endete. Dieser stellte die These der absoluten Freiheit des Individuums auf. Also selbst wenn man spezielle Eigenschaften durch seine Sozialisation verinnerlicht oder, um mit Bourdieu zu sprechen, habitualisiert hat, besitzt man immer noch die Möglichkeit der freien Entscheidungsfindung. Ich kann immer noch entscheiden, ob ich einer Person die Hand gebe oder nicht. Wenn ich es nicht tue, tue ich es aus freien Stücken, obwohl ich anders sozialisiert bin. Auch das ist eine spannende und, wie ich finde, bedeutende Brille, durch die man auf das menschliche Handeln blicken kann.

Durch die Skizzierung zwei verschiedener Ansätze wird eines deutlich: Sowohl Marx als auch Sartre treffen zu. Es gibt nicht die eine Theorie, die uns die Welt und den Lauf der Dinge erläutern kann. Das ist die eigentliche Schwäche bei Marx: Er kann, bei all seiner Genialität und Gerissenheit, die Welt eben nicht haargenau erklären. Er kann einen Denkanstoß geben und trifft freilich auch oft ins Schwarze, so ist beispielsweise seine Kapitalismuskritik, die er im Kapital platziert, keinesfalls außer Acht zu lassen. Aber jeder dogmatische Geist, der glaubt, Marx würde uns die Welt in Gänze erklären können, irrt. Marx kann nur ein Werkzeug im großen, fein ausgearbeiteten Werkzeugkasten der Theorien sein, die es uns erlauben, eine Sicht auf die Welt einzunehmen. Wer Marx kennt, erweitert seinen Kasten um eine bedeutende Komponente, dem stimme ich zu. Aber er sollte die anderen Werkzeuge nicht vergessen, denn auch ein genialer Kopf wie Marx liefert kein Allheilmittel für eine komplexe und komplizierte Welt.

Quellen: Karl Marx und Friedrich Engels, Manifest der kommunistischen Partei, Anaconda Verlag, Köln 2012

Thimm Artiel

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