200 Jahre Marx

Primark – Tor zur Engels-Stadt

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Von Gerd-Peter Zielezinski

Das Primark-Gebäude dominiert den neuen Döppersberg und verdeckt die historischen Bahnhofsgebäude. Die vom Rat mit großer Mehrheit beschlossene Ansiedlung des irischen Textil-Discounters war von Anfang an äußerst umstritten.

Primark ist einer der zentralen Akteure in der Textilindustrie. Mindestlöhne, die ohnehin kaum zum Überleben reichen, werden umgangen. Akkordlohnvorgaben machen so unbezahlte Überstunden, zusätzlich zu den sechs oder gar sieben Arbeitstagen in der Woche notwendig. Nach wie vor werden Arbeiter*innen, die Gewerkschaften gründen wollen, bedroht oder gefeuert. Primarks Billigklamotten-Produktion kann, neben der Ausbeutung von Menschen, nicht ohne eine massive Belastung der Natur funktionieren. Das Resultat des von Primark betriebenen Konsumwahns ist heute schon unübersehbar: Seit 2004 ist die Menge an Textilmüll weltweit bereits um ca. 25 % gestiegen. Diese Probleme sind Probleme der global operierenden Textilindustrie und nicht nur die von Primark. Es ist üblich in Südostasien zu produzieren, in Ländern, in denen Hungerlöhne bezahlt werden können, Arbeitssicherheit klein geschrieben wird und die Umwelt geschädigt werden darf. Der Einsturz von Rana Plaza, dem Fabrikgebäude in Bangladesch, das 2013 im April 1130 Menschen unter sich begrub, wirft ein erschreckendes Licht auf die miserablen Arbeitsbedingungen in den Arbeitsstätten der großen, weltweit operierenden Textilkonzerne.

Friedrich Engels, der große Sohn unserer Stadt, hat das unfassbare Leid der Arbeiter*innen in seiner Heimatstadt Barmen und der damaligen Metropole der Textilindustrie in Manchester vor über 150 Jahren beschrieben. Die in seinen Schriften „Briefe aus dem Wuppertal“ und „Lage der arbeitenden Klasse in England“ beschriebene Misere erinnert an heutige Schilderungen der Wohn- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter*innen der Länder des Südens.

Noch heute prägen dort, um mit Engels zu sprechen, „barbarische Gleichgültigkeit, egoistische Härte“ und „namenloses Elend“ den Alltag der „entmenschlichten Kreaturen“, um hier die Nachfrage nach billigen, modischen Textilien zu befriedigen. Über die damalige Kapitalistenklasse schreibt Engels: „Für sie (die Bourgeoisie, der Verf.) existiert nichts in der Welt, was nicht nur um des Geldes willen da wäre, sie selbst nicht ausgenommen, denn sie lebt für nichts, als um Geld zu verdienen, sie kennt keine Seligkeit als die des schnellen Erwerbs, keinen Schmerz außer dem Geldverlieren.“

Im Kommunistischen Manifest von Marx und Engels heißt es: Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose „bare Zahlung“.

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Hier soll bald der neue „Primark“ in Wuppertal einziehen.

Das Manifest über den globalisierten Kapitalismus: Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation (Ausbeutung, der Verf.) des Weltmarkts die Produktion und Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden.

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Auch nicht ganz unumstritten. Die ehemalige Bundesbahndirektion. Hier entsteht ein Outlet-Center

Während im 19. und 20. Jahrhundert die billigen englischen Textilien die handwerkliche Produktion der Länder des Südens niederkonkurrierten, lassen heute die europäischen und US-amerikanischen Kapitalisten in diesen Ländern produzieren, um die dortigen niedrigen Löhne und geringen Sozialstandards zur Profitmaximierung zu nutzen. Darüber hinaus ist es für die hiesigen Kapitalisten von Vorteil, wenn Importwaren des Konsums möglichst preiswert sind, damit Transferleistungen und Arbeitsentgelte niedrig gehalten werden können. So nehmen in den Hauptländern des Kapitals Niedriglohnsektor und Armut zu und die Reichen werden immer reicher. Ganz im Sinne von Marx und Engels gilt es, diesen skandalösen Zustand nicht zu beklagen, sondern zu bekämpfen. Es gilt, Solidarität mit den Kolleg*innen in den Ländern des Südens zu organisieren und aufzuzeigen, welche verheerenden Auswirkungen die kapitalistische Profitlogik hat. Nur ein gemeinsamer Kampf wird diese Verhältnisse ändern. Auch wenn diese Auseinandersetzungen unter verschiedenen Bedingungen stattfinden, gilt es, gemeinsam für eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung einzutreten und zwar gemäß dem Schlusssatz des Kommunisten Manifests:

Proletarier aller Länder vereinigt Euch!

und Marx‘ Aufforderung in „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“: alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.