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Wie kann und muss eine Leitkultur des 21. Jahrhunderts aussehen?

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„Wer das Leben nicht schätzt, der verdient es nicht.“ –Leonardo da Vinci

Von Dominik Schneider

„Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Deutschland ist durch das Christentum geprägt“, sagte im März dieses Jahres der frisch vereidigte Bundesinnenminister Horst Seehofer im Interview mit der Bild-Zeitung. Mich hat diese Aussage nachdenklich gestimmt. Ich frage mich: Wie kann eine Religion, also ein abstraktes System von Weltanschauungen, zu einem im Grunde ebenfalls abstrakten Gebilde wie einem Land gehören – oder eben nicht? Ist der Glaube nicht ein individuelles Merkmal? Das hat schon der preußische König Friedrich II. erkannt, wenn er sagte, dass jeder nach „seiner Facon selig werden“ soll. Doch nicht nur Seehofer ist offenbar kein geistiger Nachfolger des Alten Fritz.

Im April 2017 veröffentlichte Seehofers Vorgänger als Bundesinnenminister Thomas De Maizière in der Bild am Sonntag einen Gastbeitrag über das, was seiner Meinung nach die deutsche Gesellschaft ausmacht. In Form eines Zehn-Punkte-Papiers zeichnete er sein Wunschbild einer Republik von „aufgeklärten Patrioten“. Vor allem eine Aussage des Ministers sorgte für Kritik: „Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka“. De Maizières Artikel sei „unnötig“ und „gesellschaftsschädlich“, kommentierte etwa Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung. Trotz dieser Vorhaltungen, De Maizière hat eine Debatte über die Leitkultur in Deutschland angestoßen.

In diesem Beitrag möchte ich einen Schritt zurückgehen von der gesellschaftlichen Diskussion, ob Schweinefleisch und der weihnachtliche Kirchgang zu Deutschland gehören, sondern vielmehr der Frage auf den Grund gehen, ob es im 21. Jahrhundert überhaupt eine Leitkultur geben kann und soll. Zunächst ist zu klären, was Leitkultur überhaupt ist. Der Begriff ist von seiner Bedeutung her aufgeteilt in „Leiten“ und „Kultur“. Bei der Klärung des Kulturbegriffes folge ich im Wesentlichen dem Anthropologen Arnold Gehlen. Dieser beschreibt das Wesen des Menschen als mangelhaft: Es fehlt ihm an überlebensnotwenigen Mechanismen, etwa in Form von Instinkten oder Anpassung an die Umwelt. Überdauern kann der Mensch in einer ihm – auch im Sinne Heideggers – vorgängigen und potentiell feindlichen Welt nur, wenn er eine alternative Überlebensstrategie findet. Diese besteht nach Gehlen in der Schaffung von Kultur. Kultur ist dabei alles, was das Leben des Menschen von der Natur trennt, sei es nun einfache Ersatzleistungen für die fehlende körperliche Ausstattung oder Dinge wie ein politisches System, Kunst und Sport. Folgt man dieser Definition von Kultur, ist der Begriff deutlich weiter zu fassen, als es in der Alltagssprache der Fall ist, wo das Wort zumeist synonym mit dem Begriff der Künste verwendet wird. Tatsächlich beschreibt die Kultur jede Form von menschlicher Errungenschaft, also jede Abgrenzung des Menschen vom Tierreich.

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Dominik Schneider ist gelernter Journalist und Autor für „Sparrow – Das Politjournal“

Was ist nun eine Leitkultur? Evolutionär bedingt unterscheiden sich kulturelle Elemente in verschiedenen Gesellschaften. So ist Politik ein Teil jeder Kultur, wird jedoch in verschiedenen Systemen unterschiedlich gestaltet. Gleiches gilt auch für andere Aspekte von Kultur, etwa Religion, Architektur, Küche und Musik. Auch innerhalb einer durch politische Grenzen definierten Gesellschaft, variiert die Kultur. Jede soziale Einheit hat, abhängig von geographischen, demographischen, wirtschaftlichen und individuellen Aspekten, ein anderes Verständnis von Kultur. Diese Differenzierung in Subkulturen lässt sich bis auf die Mikroebene der einzelnen Person feststellen. Leitkultur kann nun als der kleinste gemeinsame Nenner verstanden werden, den die Kultur-Konzepte innerhalb einer festgelegten Gruppe, etwa eines Landes, teilen. Sie dient als Orientierung für In- und Externe, wie diese Gruppe aufgebaut und geprägt ist. Aufgrund der Vielfalt unterschiedlicher Kulturvorstellungen ist es jedoch nötig, Abweichler aus dem Begriff der Leitkultur herauszurechnen. Je größer die Zahl der Menschen, desto kleiner ist die Schnittfläche einer gemeinsamen Kultur. So hat De Maizière in seinem Artikel die christliche Religion als Teil der deutschen Leitkultur definiert, und damit anderen Glaubensrichtungen vorgezogen. Dies ist, gerade in Zeiten, in denen der Anteil muslimisch gläubiger Menschen in unserem Land wächst, etwa durch die Flüchtlingsbewegungen, ein falscher Schritt. Deutschland wird sich in den kommenden Jahrzehnten mit den zugewanderten Menschen entwickeln, und daher ist ein Leitkulturbegriff notwendig, in dem eine Religion nicht über den anderen steht.

Der Leitkulturbegriff von Minister De Maizière lässt sich auf die drei großen Säulen der westlichen Gemeinschaften reduzieren: griechische Philosophie, römisches Recht und christliche Ethik. Diese drei prägen das Denken der Menschen in den westlichen Ländern grundlegend und bilden die Basis für das gemeinsame Wertesystem. Abweichler hingegen werden sanktioniert. So geschieht es beispielsweise mit Menschen, die den altrömisch geprägten Formen der Gerichtsbarkeit nicht folgen, sondern Streitigkeiten auf andere Weisen lösen. Ein Beispiel wäre das Konzept der Rache, das in jüdischen und islamischen religiösen Texten belegt ist. Hier wird eine Streitigkeit nicht vor einem Gericht entschieden und vom Staat geahndet, sondern der Geschädigte hat – ohne richterliche Instanz – das Recht, dem Schädiger dasselbe anzutun, was dieser ihm angetan hat. Ein solches Vorgehen ist in Deutschland deshalb nicht akzeptiert, weil die Rechtsform der Gerichtsbarkeit ein Teil der Leitkultur ist. Versucht man jedoch, die Perspektive eines im 20. Jahrhundert sozialisierten Mitteleuropäers zu verlassen, kann man zu dem Schluss kommen, dass keines der Systeme besser oder schlechter ist. Ein ähnliches Gedankenexperiment lässt sich mit allen anderen Elementen von Kultur anstellen. Das, was wir für richtig halten, wird durch unsere Sozialisation – und die kulturelle Umgebung, in der diese stattfand – definiert. Kultur und Leitkultur sind also immer in ihrem Kontext zu sehen. Vor diesem Hintergrund erschwert die Globalisierung die Definition von Leitkultur. Trotz einiger gegenläufiger politischer Strömungen in Europa kann doch davon ausgegangen werden, dass dieser Megatrend ein andauernder und unaufhaltsamer Prozess ist, angetrieben vor allem durch den technischen Fortschritt, der selbst Kultur ist und den Kontakt von Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt erhöht. Vor diesem Hintergrund ist fraglich, ob ein national gedachter Leitkulturbegriff überhaupt noch Bestand haben kann. Ich sage: nein! Heute kann man noch davon ausgehen, dass sich der Lebensmittelpunkt der meisten Menschen – wenn auch längst nicht mehr aller – in der geographischen und damit kulturellen Nähe ihres Geburtsortes befindet. Doch schon heute verbringen immer mehr Menschen ihr Leben in Kulturen, in denen sie nicht sozialisiert wurden. Dieser Trend wird sich zweifellos fortsetzen. Das mag erschreckend wirken, solange die Idee der durch Geburt bestimmten nationalen Identität eines Menschen vorherrscht. Doch genau diese lokale Verwurzelung des Menschen ist im 21. Jahrhundert nicht mehr gegeben. Die Anforderungen der modernen Gesellschaft verlangen mehr Flexibilität, als die Meisten zu leisten in der Lage sind, und dieser Anspruch wird sich erhöhen. Daher ist es meiner Ansicht nach falsch, eine deutsche, europäische oder westliche Leitkultur zu fordern und zu vermitteln. Vielmehr brauchen wir eine globale Leitkultur.

Folgt man dieser Argumentation, muss gefragt werden, wie eine globale Leitkultur aussehen kann. Der erste und vielleicht schwierigste Schritt ist, sich aus den gewohnten Denkmustern zu befreien, denn diese wurden im eigenen kulturellen Umfeld geprägt. Grundlage einer jeden Kultur sind Werte, also möglichst allgemein geteilte Normvorstellungen, auf deren Basis dann Handlungsstrukturen entworfen werden, die die Gesellschaft formen. Nun sind Werte zu finden, auf die sich Menschen mit verschiedensten kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Hintergründen verständigen können. Das in den USA vorherrschende Konzept der Freiheit greift deutlich zu kurz. Freiheit ist ein Wert der europäischen Denkschulen, in der französischen Revolution geprägt mit der Gleichheit und der – genderneutral formulierten – Solidarität. Auch das christliche Modell der goldenen Regel, umformuliert zum Kategorischen Imperativ nach Kant, ist nicht weltweit anerkannt. Diese Fundamentalwerte gelten nur im Kontext des neuzeitlichen Westens.

Ein möglichst neutraler Blick auf die Frage nach einer globalen Leitkultur wird möglich, wenn man nach dem sucht, was alle Menschen teilen: Ihre Grundbedürfnisse. Abraham Maslow hat in der Bedürfnispyramide bildlich dargestellt, dass Bedürfnisse in einer bestimmten Reihenfolge befriedigt werden müssen: Zunächst geht es um die Grundlagen, die das Überleben sichern. Darauf folgt das Bedürfnis nach physischer Sicherheit. So bauen die Bedürfnisse des Menschen aufeinander auf. Jede weitere Stufe wird erst dann erreicht, wenn die vorhergehende befriedigt ist. Ganz an der Spitze der Pyramide steht Selbstverwirklichung, in Deutschland im Artikel 2 des Grundgesetzes verbrieft. Der erste – und damit wichtigste – Artikel der Verfassung sichert jedem Menschen seine Würde zu. Auch hier befindet sich der Gesetzgeber jedoch schon auf einer der höheren Stufen der Pyramide. Die eurozentrischen Wertevorstellungen sind deshalb für eine globale Leitkultur nicht geeignet, weil sie Menschen auf den untersten Stufen der Pyramide auslassen. Die Gesellschaft des Westens kannte in den letzen 60 Jahren keinen Mangel. Ganze Generationen sind in materieller Sicherheit aufgewachsen, in politischer Mitbestimmung und Freiheit. Ihr quasi einziges Bedürfnis war die Selbstverwirklichung, was auch ihre Kultur prägte. Doch auf der Suche nach einer globalen Leitkultur muss sich der Blick auf das andere Extrem richten: auf die Ärmsten der Armen. Denn deren Bedürfnisse sind – befriedigt oder nicht – auch die Bedürfnisse aller anderen Menschen. Was ist nun das Fundament von Maslows Pyramide? Was ist der grundlegendste Wert den alle Menschen teilen? Meiner Ansicht nach ist es das Recht auf Leben.

Ich lasse an dieser Stelle bewusst radikale Strömungen außer Acht, die bereit sind, Menschenleben für ein Ziel zu opfern. Es ist nicht möglich, solche Menschen in eine auf Interaktion ausgerichtete Kultur zu integrieren. Für den überwiegenden Teil der Menschheit gilt jedoch, dass sie jedem Menschen ein Recht auf Leben zugestehen können – und zwar, weil auch ihr eigenes, fundamentales Bedürfnis das Überleben ist. Doch zum Leben braucht ein Mensch Ressourcen. Wenn man eine globale Kultur auf Basis des Rechts auf Leben denken will, müssen diese Ressourcen jedem Menschen zur Verfügung stehen, unabhängig von dessen Leistung, Herkunft oder sonstigen Merkmalen. So selbstverständlich dies in einem von Sozialer Marktwirtschaft geprägten System erscheint, so kritisch ist dies in anderen Weltregionen. Wo Menschen nicht in der Lage sind, ihr Leben zu erhalten, ist es die Pflicht der gesamten Menschheit, helfend einzugreifen. Eine Gesellschaft, die nach diesem Paradigma geformt ist, muss einige der Triebkräfte unserer Zeit opfern. Das Leistungsprinzip und der Begriff der Leistungsgerechtigkeit spricht in seiner radikalen Ausprägung jenen das Recht auf Leben ab, die es nicht selbst erhalten können. Es bedeutet einen Verlust von Wirtschaftlichkeit, die Schwächsten der globalen Gesellschaft unterstützen zu müssen. Geht man dieses Opfer ein, lässt sich auf Basis des unangefochtenen Rechts auf Leben eine Leitkultur denken, der zu einer gerechten, friedlichen und am Ende glücklichen Menschheit führt. Es muss viel geschehen, wenn wir eine solche Welt errichten wollen. Durch die Globalisierung hat sich die Menschheit verändert: Nationale Identität, regional gebundene Denkweisen, politische und rechtliche Systeme – all das verliert an Bedeutung. Aber Menschen brauchen immer eine höhere Macht, zu der sie aufsehen können. Und in einer Welt, in der das Recht auf Leben zur Grundlage einer globalen Leitkultur wird, gibt es diese höhere Macht abseits der Religionen: Wenn jeder Mensch die moralische Pflicht hat, für das Leben jedes anderen einzutreten, haben wir etwas Heiliges. Der Gott der neuen Welt muss der Mensch selbst sein.