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Wie Aufstiegs-BAföG das Leben und die Wirtschaft verändert

Artikel Lünenschloss

Von Caroline Lünenschloss

Auf Grundlage des Aufstiegsfortbildungförderungsgesetzs (kurz AFBG) wurde am 1. Januar 1996 das Aufstiegs-BAföG erstmalig eingeführt, um durch finanzielle Förderung Handwerker und Fachkräfte bei einer Fortbildung zu unterstützen und auf diesem Wege den Pfad in die Existenzgründung zu erleichtern.

Als Äquivalent zum BAföG wurde das sogenannte „Meister-BAföG“ ins Leben gerufen. Voraussetzung ist eine Erstausbildung oder ein Berufsabschluss nach dem Berufsbildungsgesetz oder der Handwerksordnung. Solch eine Fortbildung kann in Voll- oder Teilzeit stattfinden.

Beim Meister-BAföG handelt sich um eine individuelle Förderung, die Förderung erfolgt also gezielt nach dem Leben des Geförderten. Der Ausgezahlte Betrag richtet sich hier beispielsweise nach allgemeinen Freibeträgen und Bedarfssätzen, aber auch nach dem Familienstand, Anzahl der Kinder, dem Einkommen des Lebenspartners und dem eigenen Einkommen.

Meister, tut das wirklich not?

Um die Sinnhaftigkeit des Aufstiegsbafögs bewerten zu können, werfe ich zunächst einen Blick auf den Meisterbrief an sich. Für Außenstehende und Betroffene stehen oftmals vor allem die persönlichen Vorteile des Meisters im Vordergrund. Der Handwerksmeister übernimmt Führungsverantwortung, erhält einen höheren Verdienst und erarbeitet sich einen Vorsprung in Wissen und Können. Für unser Land geht es aber um viel essenziellere Argumente, denn nicht zuletzt muss der Konsument und der Markt vor Gefährdung geschützt werden.

Informationen über die Qualität bei handwerklichen Produkten und Dienstleistungen sind einseitig zum Nachteil der Konsumenten verteilt, eine Bewertung ist für den Laien kaum möglich. Durch die gezielte Fortbildung von Handwerkern zum Meister und die Einordnung der Handwerke in zulassungspflichtige Handwerke wird ein Marktversagen vermieden und ein Mindestmaß an Qualität und Qualifikation umgesetzt.

Auch eine Ausbildung von Auszubildenden bleibt dem Meister vorbehalten, er sichert durch seine Arbeit also die nächste Generation der Handwerker und kann gezielt Einfluss auf deren Können, Wissen und Persönlichkeit nehmen. Er übernimmt die Rolle einer Leitfigur im Leben seiner Schützlinge und wird, wenn er seine Arbeit gut macht, dafür Sorge tragen, dass der Auszubildende, genau wie er, eines Tages seinen Meisterbrief machen kann. Er übernimmt eine Erziehungsfunktion und soll nicht zuletzt den Heranwachsenden dabei unterstützen, ein mündiger Bürger zu werden.

Der bevorstehende Supergau- Ein Gedankenexperiment

Viele mittelständische Handwerksunternehmen stehen vor einer dramatischen Krise.

Innerhalb der nächsten fünf bis sechs Jahre stehen in 200 000 Unternehmen Übergaben an neue Geschäftsführer aus, während massive Schwierigkeiten bestehen, einen geeigneten Nachfolger zu finden. Trotz der guten Umsätze und immer besseren Wirtschaftsprognosen, scheint die Nachfolgerfrage weiter schwierig.

Lassen Sie uns hierzu ein Gedankenexperiment wagen.

In Deutschland gab es 2015 insgesamt 3,5 Millionen Unternehmen, 579 000 davon im Handwerk. Sie allein erwirtschafteten 532 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigten über 5,1 Millionen Arbeitnehmer, vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen. 80% fielen hierbei ins zulassungspflichtige Gewerbe, mussten also mindestens einen Meister beschäftigen, ein sogenannter Konzessionsträger, oder im besten Falle als Geschäftsführer selbst den Meistertitel tragen. Man stelle sich vor, 200 000 Unternehmer fänden in den kommenden Jahren, mangels geeigneter Bewerber, keinen Nachfolger.

Bei Annahme eines linearen Zusammenhangs von Umsatz zur Anzahl der Unternehmen bedeutet das einen Verlust von 184 Milliarden Euro Umsatz im Handwerk. 1,8 Millionen Jobs gingen verloren. Selbst bei einer Annahme von einer Abdeckung der anderen Unternehmen wird ein Schaden in der Wirtschaft nicht ausbleiben, aber auch für Kunden würde sich die aktuelle Situation nicht verbessern. Im Gegenteil: Die Wartezeiten bei Handwerkern würden steigen und die aktuellen Preise mangels Alternativangeboten stark ansteigen.

Nicht nur der Ruin der Unternehmen wäre die Folge einer nicht geklärten Nachfolge, auch die Unternehmer werden oftmals ihr Unternehmen zu unangemessenen Preisen verkaufen müssen und somit ihre Altersvorsorge zum Teil stark schmälern. Selbstständige sind bis heute nicht verpflichtet für das Alter vorzusorgen und in die staatliche Rentenkasse einzuzahlen. Ein Großteil macht sich oftmals zu wenig Gedanken über ihre Rente, nicht zuletzt, weil sie damit beschäftigt sind, ihr Unternehmen zu führen.

Das traditionelle Übergeben eines Unternehmens an die nächste Generation in der Familie ist aus der Mode gekommen. Viele Unternehmerkinder haben kein gesteigertes Interesse daran, den Familienbetrieb zu übernehmen. Oftmals schreckt sie der Eindruck ab, den sie sich teilweise selbst von der Selbstständigkeit machen konnten: 50+ Stunden Wochen gehören zum Alltag ihrer Familien. Unter Umständen kam es früher sogar dazu, dass sich das Elternteil, welche die geschäftsführenden Aufgaben im Unternehmen besorgte, nicht zureichend um seine Kinder kümmern konnte. Manchmal sind es aber auch einfach andere Zukunftsvisionen, die Hoffnung auf ein anderes Leben in einer anderen Stadt, einem anderen Land.

Ja zum Aufstiegs-BAföG = Ja zur Chancengleichheit

Im Gegensatz zu Unternehmerkindern, ist es für viele Handwerker schwierig, die Fortbildung zum Handwerksmeister zu finanzieren.

In den Berufsschulen und Betrieben existieren wilde Theorien über die Kosten der Meisterschule und Prüfung. Angehenden Junggesellen sind daraufhin nicht selten abgeneigt, wenn in der Schule die erste Aufklärung über die Meisterschule stattfindet und wollen nicht zuletzt, um nicht „uncool“ zu sein, nicht zuhören, wenn das erste Rechenbeispiel des Beauftragten kommt. Sie können sich nicht vorstellen, dass es für sie ohne große finanzielle Umstände möglich ist, die Meisterschule zu besuchen.

Eine noch größere Aufklärung wäre hier enorm wichtig, vor allem um eine wirkliche Chancengleichheit zu garantieren. Viel zu lang wurde das Handwerk nicht genug gefördert und Abiturienten erklärt, dass die Chancen im Handwerk denen des Studiums nachstehen, während der Bildungsstandard an Haupt- und Realschulen stetig gesunken ist. Die Nachwuchsprobleme von Handwerksunternehmen sind nicht wegzudiskutieren, wenn jährlich ein Drittel der Lehrstellen unbesetzt bleiben.

Der finanzielle Anreiz des Aufstiegs-BAföGs ist in diesem Zusammenhang nicht zu unterschätzen. Während 60% der Förderung zu Beginn als Darlehen gewährt wird, werden bei Bestehen der Prüfung 40% des Darlehens erlassen. Bei einer anschließenden Unternehmensgründung werden bis zu 66% erlassen. Gleichzeitig liegt das Bildungsniveau auf den Berufsschulen so enorm unter dem Durchschnitt der deutschen Gesamtgesellschaft, dass eine Förderung hier unabdingbar ist. Als Abiturient ist man schnell schockiert, an welchen Aufgaben in der Berufsschule mehrere Schulstunden lang geübt werden muss. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass an dieser Stelle das Schulsystem versagt hat. Trotz Hauptschulabschluss als Grundvoraussetzung für einen Großteil der Ausbildungsberufe könnten die Berufsschüler auf den ersten Blick als Verlierer des Systems abgestempelt werden. Einfachste Mathematik muss vereinfacht werden, aus Aufgaben wie „2^2“ (Zwei hoch zwei) wird zur Vereinfachung ein „2*2“ (zwei mal zwei) um keinen Schüler zu verwirren, zurück zu lassen und nicht die sechste Klasse wiederholen zu müssen.

Der Umgangston ist rau und die Lehrkörper unzufriedener als auf höheren Schulformen. Als Gesellschaft an einer Förderung für Menschen zu sparen, die es so viel dringender brauchen als der durchschnittliche Student, wäre nicht nur Unsinn, sondern auch unfair. Wir als Gesellschaft sind dafür verantwortlich, dass Menschen mit weniger guten Startvoraussetzungen weder abgehängt werden, noch sich abgehängt fühlen um gesamtgesellschaftliche Problematiken zu vermeiden. Durch eine gezielte Förderung, finanziert durch das Aufstiegs-BAföG können wir diesen Menschen eine reelle Chance bieten, ihre Zukunft in die Hand zu nehmen und ihr Leben erfolgreich zu bestreiten. Durch den Meistertitel wird mehr Geld in die Rentenkasse strömen, Betriebe werden vor der Übergabekrise bewahrt und Neugründungen durch den extra Zuschuss gefördert. Durch diese Maßnahme wird das Handwerk im Gegensatz zu den letzten Jahren maßgeblich gestärkt. Eine effizientere und näher am Leben stehende Förderung im Bereich des Handwerks gibt es nicht.