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Transparenz, Weltoffenheit und ein kleiner Reisetipp – Im Herzen der niederländischen Demokratie

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Von Philipp Thimm

THIMMI

Philipp Thimm ist Redakteur und Mitgründer von Sparrow

Den Haag ist, im Gegensatz zu New York, London oder auch Amsterdam, wahrlich keine Metropole. Dennoch: Man kann auch dort wunderbar einen sonnigen Tag verbringen und das frische Grün der zahlreichen Bäume und Alleen der Stadt genießen. Die netten, kleinen Cafés, welche Den Haag beherbergt, laden geradezu ein, sich gemütlich in einen der dort ansässigen Stühle hinzupflanzen und vielleicht ein gutes Buch zu lesen, oder einfach die angenehme Atmosphäre auf sich wirken zu lassen. Die geographische Mitte der Stadt bildet der Binnenhof, der gleichzeitig auch das politische Machtzentrum der Niederlande darstellt. Ein beeindruckender Gebäudekomplex aus dem 13. Jahrhundert. Statuen von Wilhelm II. und Johan Van Oldenbarnevelt schmücken die Umgebung dieses einzigartigen architektonischen Meisterwerks. Auch Johan der Witt, Ratspensionär der Niederlande von 1650 bis 1672 und damit führende politische Persönlichkeit im Land zur Zeit des Goldenen Zeitalters, ist mit einer Statue am Rande des Binnenhofs vertreten.

Das Innenleben des Binnenhofes ist überraschend offen. Neben dem Senat haben auch das Parlament und der Ministerpräsident ihre Stätte im Herzen des Binnenhofes. Man kommt ohne Kontrolle hinein und kann sich frei im Herzen der niederländischen Demokratie bewegen. Dabei kann es gut sein, dass man einen hochrangingen Politiker beim Spazieren gehen oder beim Rauchen trifft. Manchmal wird man auch gleich von Ihnen angesprochen. Meine eigene Wenigkeit hatte dort beispielsweise schon die Ehre mit dem Wirtschaftsminister des kleinen Landes. Ein beeindruckendes Gefühl, dass man, so ungerne ich es auch zugebe, im Bundestag kaum erleben kann. 

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Dünen bei Den Haag (Niederlande)

Der Kontrast zwischen dem niederländischen und dem deutschen Machtzentrum scheint groß zu sein. Auf der deutschen Seite der Reichstag, bestens gesichert, kaum öffentlich und auch (oder gerade?) Spitzenpolitiker sind kaum zu erreichen. Auf der anderen Seite der Binnenhof, ein öffentlicher Platz, der Politiker beheimatet, die greifbar und nah wirken.  Man muss betonen: Die Politik der Niederlande ist freilich nicht perfekt. Auch dort gibt es Tücken und Fehler, auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte. Das skizzierte Bild regt jedoch zum Denken an. Politische Funktionäre wirken nicht fern. Ein besonders relevanter Punkt in einer repräsentativen Demokratie. Eigenschaften wie Volks- und Bürgernähe, zumindest im eigenen politischen Haus, müssen gegeben sein. Menschlichkeit, ebenso wie Mut und Demut, wie es Helge Lindh ausdrückte, müssen als grundlegende Reliquien eines Politikers verstanden werden, ansonsten leidet seine repräsentative Fähigkeit.

Für mich ist diese persönliche Erfahrung ein kleines Zeichen in eisigen politischen Zeiten gewesen, in denen vielen Menschen Vertrauen fehlt, die sich abgehängt und verlassen fühlen. Und genau deswegen brachte diese Erfahrung mein Denkinstrument besonders in Schwung und faszinierte mich zugleich. Und mit diesen anregenden Gedanken, in einem Dialog zwischen mir und mir selbst, denn das ist Denken, ließ ich meine Erfahrungen aus Den Haag, gemütlich in einem Café sitzend, ausklingen. Gibt es etwas Besseres?

 

 

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