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Keine Arbeit 4.0

Artikel Guido

Von Guido Grüning


Andreas Mucke ist Oberbürgermeister in Wuppertal. Seit nunmehr fast drei Jahren. Damit ist die Hälfte seiner Amtszeit rum. Vieles von dem, was Mucke derzeit beschäftigt, hat er kaum zu verantworten. Ob Seilbahn, Döppersberg, Stadtfinanzen, ja selbst die bedauerliche Episode des Beteiligungsdezernenten ist nicht auf seinem Mist gewachsen. Eigene Initiativen und Projekte zu starten, um auch für die Zeit nach 2020 Gründe zu liefern, Oberbürgermeister zu bleiben, fiel Mucke bislang schwer. Und nachdem nun auch die Bundesgartenschau faktisch von den Koalitionären beerdigt wurde, sieht es düster aus für Muckes Utopiastadt.

Zwei Projekte sind derzeit noch auf der Agenda. Muckes „Bündnis gegen Armut – für soziale Gerechtigkeit“ und das Engelsjahr 2020. Während das Bündnis gegen Armut zum Rohrkrepierer zu werden droht, ist Mucke beim Engelsjahr bislang nicht in Erscheinung getreten. Beide Projekte könnten für Mucke jedoch zum Erfolgsgaranten werden. In seinem Appell zum „Bündnis gegen Armut“ stellt Mucke treffend fest, dass wir in einem reichen Land leben, indem die gute Wirtschaftsentwicklung sich nicht im Abbau von Armut in der Stadt niedergeschlagen hat.

Mit seinem Bündnis will er das ändern. Aber kann er das überhaupt? Haben Mucke und seine Bündnispartner wirklich Einfluss auf die Armut in der Stadt? In Zeiten der Digitalisierung, wo auch bei Mucke kein Tag vergeht, wo er nicht über „Industrie 4.0“, „Arbeit 4.0“ und Automatisierung spricht. Themen, die auch Arbeitgeber gerne diskutieren, wenn es um den sogenannten Fachkräftemangel geht. Aber genau die sind in Muckes Armutsbündnis zurückhaltend, um genauer zu sein, nicht vertreten.

Und genau dort liegt Muckes Chance. Nachdem gut ein Jahrzehnt Digitalisierung neueren Zuschnitts hinter uns liegt, gibt es mehr Fragen als Antworten. Warum nutzt Mucke also nicht das Engelsjahr, um Antworten zu suchen und Wuppertal zur Modellstadt für die Arbeit der Zukunft zu machen. Was können Oberbürgermeister und Stadtregierung tun, um dem digitalen Wandel eine gesellschaftliche Antwort zu geben? Welche Konzepte können in der Stadt erprobt werden, um Sozialversicherungssysteme sicher zu machen, wenn uns die Arbeit ausgeht.

Das es zu einem gesellschaftlichen Wandel kommen wird, scheint unvermeidlich, sieht man sich die Veränderungen in den ersten drei industriellen Revolutionen einmal an.

Mit der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 18. und ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, die Arbeitsbedingungen und die Lebensumstände einer tiefgreifenden und dauerhaften

Umgestaltung unterzogen. Damals waren es technische Erfindungen wie Webstuhl, Hochofen, Dampfmaschine und Eisenbahn, die die ersten Fabriken entstehen ließen. Und mit einer rasant wachsenden Bevölkerung waren Arbeitskräfte im Überfluss vorhanden. Neben Grundbesitz und Zünften wurde die strukturelle Lohnarbeit eingeführt. Der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus war erfolgt. Die industrielle Revolution war begleitet von einer gesellschaftlichen Revolution.

Ab 1870 begann die 2. industrielle Revolution mit der Elektrifizierung und der aufstrebenden chemischen Industrie. Erfinder wie Werner Siemens oder Nikola Tesla ermöglichten die wirtschaftliche Nutzung der Elektrotechnik. Und die Erfindung des Telefons hatte ebenso revolutionäre Auswirkungen wie heute die der E-Mail. Trotz dieser Fortschritte wurde das Leben für die meisten Menschen immer unerträglicher. Mit der Einführung von Fließbandarbeit und Massenproduktion wurden Arbeitskräfte im ungezügelten Kapitalismus zum Kostenfaktor reduziert. Aufgrund des nach wie vor hohen Überangebotes an Arbeitskräften, wurde Druck auf die Arbeiter/-innen ausgeübt. Die Folge: 14-16 Stundentage, extremste Arbeitsbedingungen und bei Arbeitsplatzverlust, Krankheit, Unfall oder Tod Verelendung ganzer Familien.

Auch in dieser Zeit war der technische Fortschritt begleitet von erheblichen gesellschaftlichen Veränderungen. Aufgrund von Arbeitsniederlegungen und Streiks, vor allem aber zur Sicherung der industriellen Produktivität, wurden zwischen 1880 und 1930 die bis heute bekannten Sozialversicherungssysteme eingeführt. Kranken-, Unfall-, Renten- und Arbeitslosenversicherung.

Ab ca. 1970 begann der Übergang vom Industriezeitalter zum Informationszeitalter. Die Einführung von Bildschirmarbeitsplätzen, Mikrochips und digitale Anwendungen, das Internet und die Globalisierung waren und sind Faktoren der 3. industriellen Revolution. Mit verheerenden Folgen für die Beschäftigten. Waren in Deutschland Ende der 60er Jahre rund 150.000 Menschen ohne Arbeit, wuchs diese Zahl von da an kontinuierlich an. Bis heute, nach fast 10 Jahren ununterbrochenem Boom und ständigem Wirtschaftswachstum, sind rund 2,5 Mio. Menschen ohne Arbeit. Und das sind nur diejenigen, die der offiziellen Statistik erhalten geblieben sind. Legt man die Unterbeschäftigungsquote zu Grunde, sind es rund 3,35 Mio. Für Wuppertal sind diese Zahlen fast noch beeindruckender: Im Juni 1970 waren in Wuppertal 513 Menschen als arbeitslos registriert. Im April 2018 waren es mehr als 15.000, betrachtet man die Unterbeschäftigungsquote sind es mehr als 30.000. Gefeiert von Medien und Politik, weil es vor 15 Jahren noch mehr waren.

Vor 15 Jahren? Das war 2003, als Gerhard Schröder die Agenda 2010 proklamierte. Mit der Folge, dass Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt durch Deregulierung, Leistungskürzungen im Sozialwesen, prekären Arbeitsverhältnissen und Leiharbeit auf dem Rücken derjenigen ausgetragen wurden, die ohnehin die Verlierer der Globalisierung und Digitalisierung waren. Zitat Schröder: „Wir werden Leistungen des Staates kürzen.“ Hartz IV war geboren. Auch hier war und ist die industrielle Revolution eng verbunden mit gesellschaftlichen Veränderungen.

Jetzt stehen wir am Anfang der 4. industriellen Revolution, die vor rund 10 Jahren begonnen hat. Und man muss kein Prophet sein, um zu erahnen, was auf uns zukommt. Bereits 1995 schieb der amerikanische Ökonom und Soziologe Jeremy Rifkin in seinem Buch „The End of Work“: „Durch die digitale Revolution verschwindet langfristig die Arbeit, da selbst die billigste menschliche Arbeitskraft teurer sei als die Maschine“. Und 2013 veröffentlichten Osborne und Frey eine Studie, nachdem 47% aller Jobs in den USA hochgradig automatisierungsgefährdet sind. Schenkt man dieser Prognose Glauben, wäre es für die europäische Wirtschaft, und damit für die deutsche, verheerend, gäbe es keine ähnliche Entwicklung.

Gehen wir also davon aus, dass in den kommenden zwei bis vier Jahrzehnten nur noch rund die Hälfte der erwerbsfähigen Bevölkerung einen Arbeitsplatz im System der Wertschöpfungskette innehat. Wie gehen wir damit gesellschaftlich um? Und was heißt das für Mucke?

Unterstellen wir wohlwollend, dass Gerhard Schröder nicht wissen konnte, was er anrichtet. Eines ist aber sicher. Nur noch die Hälfte der Bevölkerung am Produktivitätsfortschritt zu beteiligen, und der anderen Hälfte weitere Leistungskürzungen zuzumuten, führt ins Desaster. Schon heute wenden sich große Teile der Bevölkerung von der Politik ab oder wählen Extremisten wie die AfD, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen und vermeintlich einfachen Lösungen zu folgen. Auch in Wuppertal. Diese Entwicklung ist in ganz Europa zu verfolgen, Nationalisten und Populisten sind in praktisch allen Ländern der EU, aber auch in den USA, auf dem Vormarsch. Wir leben bereits in den gesellschaftlichen Auswirkungen der 4. industriellen Revolution: Donald Trump, der Brexit, Viktor Orban, Recep Erdogan, die FPÖ, Marine Le Pen „En marche“, 5 Sterne-Bewegung, Carles Puigdemont, AfD. Alles Zeichen einer tiefgreifenden Verunsicherung und Angst vor dem ökonomischen Abstieg.

Kein Demokrat kann diese Entwicklung gutheißen. Deshalb braucht es Konzepte und Ideen, wie wir uns der Entwicklung politisch entgegenstellen. Und es braucht den Mut, diesen Konzepten und Ideen Raum zu geben.

Langfristig wird es unvermeidlich sein, die Sozialversicherungssysteme vom Faktor Arbeit zu lösen. Schon der demographische Wandel führte in der Vergangenheit zu massiven Rentenkürzungen. Und es droht Altersarmut für Hunderttausende. Die Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen wurden gekürzt, Zuzahlungen für eine optimale Zahnversorgung können sich nur die Bezieher von (hohen) Arbeitseinkommen leisten. Das Pflegesystem ist unterfinanziert, aufgrund der niedrigen Einkommen findet man kaum Nachwuchs und Fachkräfte. Und das alles bei hervorragenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Wie sähe das erst aus, wenn sich Geschäftsmodelle wie die von Amazon durchsetzen? Milliarden Gewinne mit dem Ziel, die gesamte Wertschöpfungskette weitestgehend ohne Mitarbeiter stattfinden zu lassen.

Um die Frage der Verteilungsgerechtigkeit nicht eskalieren zu lassen, werden sich die Sozialsysteme also durch die Wertschöpfung der Unternehmen und durch die Besteuerung von Kapitaleinkünften finanzieren lassen müssen.

Damit einhergehen muss eine neue Definition von Arbeit. Pflege von Angehörigen, Kindererziehung, ehrenamtliche Arbeit und Erwerbsarbeit müssen gleichgestellt werden. Warum die Pflege der krebskranken Mutter nicht gleichwertig, jedenfalls nicht gleichwertig im Sinne der Vergütung, einer Busfahrerin ist, erschließt sich nicht. Warum es weniger „wert“ ist, drei Kinder großzuziehen, als als Sparkassendirektor zu arbeiten, ist eigentlich nicht einzusehen. Und auch eine Mädchen-Tischtennis-Mannschaft zu trainieren ist sicher nicht weniger anerkennenswert, als ein Darsteller in einer Daily-Soap. Vielleicht ist das die gesellschaftliche Revolution, vor der wir stehen. Die Anerkennung aller Formen der Arbeit als Beitrag zum Erhalt des gesellschaftlichen Friedens.

Und hier liegen die Chancen für Andreas Mucke. Er kann die Stadt öffnen, um Plattformen zu schaffen, damit Arbeit neu definiert werden kann. Er kann sich mit den vielen Akteuren beraten, die bereits in der Stadt sind, die neue Formen des Arbeitens und Lebens erforschen. Er muss an der Spitze des Engelsjahrs 2020 stehen und das Jubiläum als Chance begreifen. Mit renommierten Experten aus der ganzen Welt die Stadt zur Denkfabrik machen. Sprechen wir über Sinnhaftigkeit von Arbeit, neue Mobilität, Verteilungsgerechtigkeit und (Konsum-)verzicht als gesellschaftliche Chance. Mucke kann Wuppertal zum Mittelpunkt der Transformation von der bisherigen in die neue Arbeitswelt machen. Er kann als Wegbereiter des Wandels in die Geschichte der Stadt eingehen. Eine Bundesgartenschau kann das nicht leisten.