Aktuell

Von Luftballons und Smalltown Boys

Artikel Guder

von Max Guder

Warum Aktionen für Vielfalt und Akzeptanz gerade jetzt so wichtig sind


Nachdem die Weltgesundheitsorganisation am 17. Mai 1990 Homosexualität offiziell aus ihrem Diagnoseschlüssel gestrichen hat, wird seit 2005 weltweit am gleichen Tag der Internationale Tag gegen Homophobie durchgeführt. Später kamen Aktionen gegen Trans- und Biphobie hinzu. Seit 2014 treffen sich jedes Jahr auch in Wuppertal viele Menschen im Deweerthschen Garten in Elberfeld, um mit dem Wuppertaler Rainbowflash einen Beitrag zu den weltweiten Aktionen zu leisten. Viele bunte Luftballons steigen zur einer ruhigen Interpretation des Liedes „Smalltown Boy“ von Bronski Beat in den Himmel und schweben wie ein bunter Teppich übers Tal. Jedes Jahr sind mehr Wuppertaler*innen dazu gekommen. Soweit so schön!

Wir befinden uns im Jahr 2018. Ein Jahr nach der rechtlichen Gleichstellung homosexueller und damit vormals nur eingetragener Lebenspartnerschaften und der Ehe zwischen Frau und Mann. Auch in Wuppertal gehören händchenhaltende gleichgeschlechtliche Partnerschaften zur Normalität auf der Straße. Regenbogenfahnen in Vorgärten sind ab und zu ebenso zu sehen, wie Regenbogenaufkleber auf Kneipentüren im Luisenviertel. Soweit so schön!

Also, warum dann noch Aktionen gegen Ausgrenzung und für Gleichstellung, gegen Angst und für Aufklärung, gegen Einfalt und für Vielfalt? Gesetzliche Gleichstellung schafft nicht unbedingt gesellschaftliche Akzeptanz! Gesetzliche Gleichstellung kann den Weg ebnen, denn dadurch legitimiert der Staat das Zusammenleben und die Ehe gleichgeschlechtlicher Menschen. Aber Akzeptanz, Offenheit und Vielfalt ist etwas, dass in erster Linie im Kopf eines jeden einzelnen Menschen Platz finden muss, um dann in der Gesellschaft wahrhaft gelebt zu werden. Die sexuelle Identität eines Menschen entscheidet nicht über einen guten oder schlechten Charakter eines Menschen, sondern bestimmt dessen Liebesleben. Der Weg zu Akzeptanz, Offenheit und Vielfalt geht wie schon so oft in der menschlichen Geschichte zu großen Teilen über Aufklärung und Erklärung. Einen kleinen Beitrag dazu leistet der Rainbowflash, denn er verdeutlicht mit bunten Luftballons die Vielfalt unserer Gesellschaft. Der besungene „Smalltown Boy“, der von zu Hause ausreist und glaubt, seiner Mutter niemals sagen zu können, warum er früh am Morgen einfach abhaut, verdeutlicht die Situation von Jugendlichen, die sich aufgrund ihrer nicht heterosexuellen Identität zu Hause, in Schule und Beruf, im Verein und unter Freunden unwohl fühlen. Sie merken, dass sie „anders“ sind oder noch schlimmer, haben das Gefühl, sich und ihre sexuelle Identität verstecken zu müssen. Und ja, diese Situationen gibt es. Im Jahr 2018. In Wuppertal. Und erst recht in dörflicheren Gegenden dieses Landes. Von anderen Ländern ganz zu schweigen.

Es gilt also, weiter an Offenheit und für Vielfalt in unserer Gesellschaft zu arbeiten. Und es gilt auch, die bisherigen rechtlichen Errungenschaften zur Gleichstellung zu erhalten. Mehr denn je, seitdem eine offen homophobe Partei die größte Oppositionsfraktion im deutschen Bundestag darstellt. Zum Tag des Grundgesetzes vor kurzer Zeit nutzte eine der führenden Frauen dieser rechten Partei die Gelegenheit, Homo- und Transsexuelle als Feinde des Grundgesetzes und Gefahr für die Bundesrepublik Deutschland darzustellen. Im Sinne der Menschlichkeit und unserer offenen Gesellschaft dürfen solche Töne nicht zur Mehrheitsmeinung werden. Vorurteile und Angst sollen nicht geschürt, sondern entkräftet und abgebaut werden. Und dabei geht es nicht darum, jemandem etwas überzustülpen oder

zu manipulieren. Es geht darum miteinander und gemeinsam in unserer Gesellschaft zu leben. Jede*r wie man mag. In einer Gesellschaft, in der sich niemand ausgegrenzt und alleine fühlt, sondern alle Menschen einen Platz finden.

Die Weltgesundheitsorganisation hat angekündigt, Transsexualität in diesem Jahr ebenfalls aus dem Diagnoseschlüssel zu streichen. Ein weiterer Schritt Richtung Normalität und Gleichstellung. In Wuppertal entwickeln sich langsam, aber sicher immer mehr Strukturen und Angebote zur Förderung von Vielfalt. Als Beispiel ist der im letzten Jahr von der Stadt einberufene Runde Tisch LSBTTI* zu nennen, an dem alle bisherigen Akteure im Bereich der „Regenbogencommunity“ mit der Stadt regelmäßig zusammenkommen. Sozialdezernent Stefan Kühn hat angekündigt, dass das Thema queere Jugendarbeit (spezifische Angebote für Jugendliche, die sich einer sexuellen Minderheit zugehörig fühlen) in Wuppertal im Rahmen des Kinder- und Jugendförderplans der Stadt Wuppertal angegangen wird. All das sind Schritte in die richtige Richtung auf dem Weg dahin, dass kein Smalltown Boy mehr von zu Hause weglaufen muss. Und sehr gerne sehen wir uns im kommenden Jahr zum Rainbowflash im Deweerthschen Garten, mit vielen bunten Luftballons…!