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NEUES STÜCK II

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Quelle: Unsplash

Von Nathalie Eckstein (Gastbeitrag)


Jemand steigt auf einen Stuhl, beendet das Fortlaufen der Zeit an einer über einer Tür hängenden Uhr. Er tritt den Stuhl weg. Die Zeit bleibt stehen. Und etwas, was ein Unfall hätte sein können, ist die eigene Erhängung. Der Beginn des Abends ist sein Programm.

Der erste Erzählstrang des in der Türkei verunfallten Bruders beginnt als Verhör über die Beschreibung der letzten Träume des Toten. Das erste Bild ist eines für die fehlenden Interventionsmöglichkeiten im Angesichts des Todes. Und doch wird das immer wieder versucht. Den sich suizidierenden Vater des Freundes zu retten, bis dieser jenen selbst ersticht und der Notruf, den er abgibt, wiederum in eine Erzählung einer Traumsequenz verwandelt wird und sich im Reigen der Bilderfolge auflöst in Überlegungen über Nähe und Fremde. Es wird versucht, jemanden, der stirbt, zu retten, die Verstorbenen werden begraben, wieder getroffen, oder man scheitert beim Versuch; aber was bleibt: „I am still here“. Die Verstorbenen sind immer noch präsent. Auch wenn es brutal weggewischt wird. Sie sind nah in der Erinnerung.

Die Mischung aus Tanz und Theater, die der Choreograph Alan Lucien Øyen mit dem Pina Bausch-Ensemble als Uraufführung von „NEUES STÜCK II“ erarbeitet hat, gelingt grandios. Vieles ist aus der Biographie der Beteiligten erarbeitet. Es sind die intimsten Momente, die, in denen man sich allein geglaubt hatte, die hier einen übergroßen Raum finden. „Here I stand and feel sorry, but I don’t apologize. Here I smile, but don’t mean it“, sagt einer der Tänzer in ein Funkgerät. Sprache, wenn sie stattfindet, ist oft verfremdet. Sei es durch Morsezeichen, die statt „Liebe“ immer nur in „SOS“ übersetzen, ein Telefon, eine geschriebene Postkarte, einen Akzent. Immer gibt es einen Abstand zwischen dem was erzählt wird, und wie es erzählt wird.

Die Verfremdung durch die Vermitteltheit schafft allerdings keinerlei Distanz. Sie überbrückt sie. Es ist quälend grenzüberschreitend, dabei zuzusehen, wie jemand sich das Herz herausreißen möchte, einen geliebten Menschen verliert, oder das mitgeteilt bekommt, sich quält oder gequält wird. Die Details des Lebens sind in eine Größe gezogen, sodass sie unausweichlich werden.

I’m tired and I can‘t anymore

Was als Beschreibung einer dysfunktionalen Beziehung beginnt, wird eine Trennung, und das, weswegen sie sich trennen, wird der Grund, warum sie einander nie haben begegnen können. Immer wieder sagt ein Paar einander „I’m tired, I can’t anymore“. Zunächst leise, dann immer lauter, bis es ein existenzieller Schrei wird und sicher nicht mehr nur die Beziehung gemeint ist. Die Liebe wird eine tatsächliche Allegorie und eine Brutalität.

Die Bühne (Alex Eales) folgt der unmöglichen Leichtigkeit der Traumlogik: Innen- und Außenräume sind ineinander verschränkbar, verwandeln sich permanent, was ein Bad war, wird eine Küche, eine Kirche, sodass Handlungsstränge immer ineinander übergehen, eine Beerdigung für den Bruder gleichzeitig ein Oratorium für den anderen Bruder wird. Die Möbel bewegen sich, als wären sie an Fäden gezogen, ohne Mühe, ohne Rollen, ohne Spuren zu hinterlassen. Licht fällt durch geöffnete Türspalten, Projektoren oder Fenster. Die Kostüme (Stine Sjøgren) bleiben in der Ästhetik, die man von Pina Bausch kennt, mit Details wie die aufgenähten roten Tränen auf einem schwarzen Schleier.

Auch Pina Bauschs Stil findet kleine Zitate. Stellen des bekannten leichten Humors. Eine junge Frau, die eine Alte spielt, die ihren vom Alter gezeichneten Körper redundant „beautiful“ findet, Stühle, natürlich Thonet, nur, dass sie jetzt braun sind, eine immer weitergegebene Zigarette „der schnellste Weg in den Himmel“. Die Bilder, die auf der Bühne entstehen, sind cineastisch, zart, leicht, vergänglich und von größter Poesie und Professionalität. All das geschieht, ohne jemals pathetisch zu werden, ohne zu triefen, ohne jede Länge oder Möglichkeit eines Verzichtes auf eines von ihnen.

Was von dem Abend über Vergänglichkeit, auch die von Liebe und selbst des Schmerzes, bleibt, sind Kinder, die ihren Vätern niemals gesagt haben, niemals zeigen konnten, dass sie sie lieben, sind großartige Soli, die mit Genauigkeit besetzt und beeindruckend choreographiert sind. Was von dem Abend bleibt, ist ein Friedhof, auf dem alle Toten tanzen, als seien sie leibhaftige Erinnerung.


 

Nathalie Eckstein

lebt in Wuppertal und studiert Philosophie sowie Vergleichende Kultur- und Literaturwissenschaften an der Rheinischen Friedrichs-Wilhelm-Universität in Bonn. Dabei interessiert sie sich vor allem für ästhetische Theorie. Nach Hospitanzen am Schauspiel der Wuppertaler Bühnen arbeitete sie dort, und neben eigenen Projekten, an der HMT Leipzig als Regieassistentin.

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