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„Die eindimensionale Hochschule?“

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von Markus Wessels


„Das nordrhein-westfälische Hochschulgesetz soll die gesetzlichen Rahmenbedingungen für ein qualitativ hochwertiges und zugleich erfolgreiches Studium, für die Exzellenz des Hochschulstandorts NRW sowie für freie wissenschaftliche Kreativität an unseren Hochschulen setzen.“ Diese Leitplanke setzt der Referentenentwurf zur Änderung des Hochschulgesetzes für die kommende Novellierung. Zuletzt geändert wurde dieses zum Wintersemester 2014/15, als die damalige rot-grüne Landesregierung nach langwierigen Debatten das von der Rüttgers-Regierung 2006 eingebrachte und verabschiedete Hochschulfreiheitsgesetz durch das Hochschulzukunftsgesetz ersetzte. Neben der in den Vordergrund gestellten Änderungen im Verhältnis zwischen Land und Hochschulen brachte der Gesetzestext in seiner aktuellen Fassung aber auch gravierende Veränderungen im Bereich Studium und Lehre: „Beides [die maßgeblichen Herausforderungen in Studium und Lehre, Anm.] erfordert ein Hochschulrecht, dass die tatsächlichen Lebensumstände der Studierenden sensibel wahrnimmt. Deshalb soll bereits Funktionierendes gestärkt und Regelungen, die sich als unpraktikabel erwiesen haben, gestrichen werden.“, schreibt der Entwurf hierzu. 

Herausforderung, angenommen! Die halbe Wahrheit des Referentenentwurfs.

75% der Wuppertaler Studierenden arbeiten neben dem Studium – und dies in einem nicht unerheblichen Umfang. Von den 683.000 nordrhein-westfälischen Studierenden gehen unterdurchschnittlich viele ins Ausland. 70% von denen die nicht gehen, tun dies aufgrund der befürchteten Mehrkosten. Vergleichsweise marginal ist die BaföG-Empfängerquote (knapp jeder sechste wird noch gefördert). Hoch sind die Pendlerquoten und überdurchschnittlich auch die Zahl der Studierenden mit Migrationshintergrund und aus Nicht-Akademikerfamilien. Im unteren Drittel des Bundesvergleichs liegt NRW auch bei der Studiendauer: Nur 37,3% erreichen ihren Abschluss in den vorgesehenen sechs bzw. vier Semestern (Bachelor/Master). Immerhin 73,7% erreichen ihren Abschluss in der „Regelstudienzeit +2“. Von Megatrends wie der Digitalisierung und zunehmender gesellschaftlicher Differenzierung einmal abgesehen, ergibt sich ein Bild, in dem der „Otto-Normal-Student“, der nach dem Abitur an die Uni strebt, dort seine Regelstudienzeit absolviert und anschließend dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht, zwar noch vorkommt, allerdings seine dominante Rolle (sollte er diese jemals besetzt haben) abgegeben hat. In Studium und Lehre sehen sich die Hochschulen also nach wie vor mit der Aufgabe konfrontiert, die Angebote und Erwartungen an die angehenden Akademiker*innen an diese vielfältiger werdende Studierendenschaft anzupassen. Soviel zunächst in aller Kürze an die erwähnten Lebensrealitäten, an denen sich die Landesregierung orientieren möchte. Das vor diesem Hintergrund Studienerfolg mehr beinhaltet, als die zügige, „fristgemäße“ Beendigung des Studiums, erklärt sich eigentlich fast von selbst.

Reform legt Steine in den Weg, wo keine sein müssten

Neben dem Klassiker der ungeliebten Maßnahmen – Anwesenheitspflichten, deren Verbot aus dem Gesetz gestrichen werden soll – führt der Referentenentwurf sogenannte Online-Self-Assessments als Instrument ein, deren Teilnahme von den Hochschulen vor der Einschreibung verlangt werden kann. Dabei sollen Studieninteressierten ihre Kenntnisse, die im angestrebten Studiengang benötigt werden, abfragen. Allgemeine Hochschulzugangsberechtigung? Fehlanzeige. Die eigene Regierung scheint den Schulen NRWs nicht zu trauen. Auch wenn die Ergebnisse lediglich der Selbstreflexion dienen sollen, werden Sie gerade bei Studieninteressierten, die wenig Unterstützung aus ihrem Umfeld erfahren, doch eher zu Frustrationserlebnissen führen. Erhellende Momente der Selbstfindung werden dagegen selten sein. Im Studium selbst sollen dann Studienverlaufsvereinbarungen folgen. Diese müssten Studierende mit der Studienberatung ihrer Hochschule abschließen, sollten sie nach der Hälfte der sogenannten „Regelstudienzeit“ nicht ein Drittel der verlangten Leistungspunkte erreicht haben. Was geschieht, wenn diese nicht eingehalten werden, konkretisiert der Entwurf nicht mal halbherzig; die Exmatrikulation als Ultima-ratio ist also nicht ausgeschlossen.

Fordern statt Fördern

Das Ministerium für Kultur und Wissenschaft (MKW) hat richtig erfasst, dass Studierende und Studieninteressierte noch mehr Möglichkeiten der Orientierung vor und der Beratung während des Studiums benötigen. Verknüpft werden diese Maßnahmen jedoch stets mit Zwang und Fristen. Das Bild des selbstbestimmten Lernens wird aus den Hochschulen nach und nach verbannt. Das Ziel der Landesregierung, die Abbrecherquoten zu senken, wird zu einer Obsession, der Sie nur mit heftigen Kollateralschäden zu begegnen weiß. Optionen, die über die simple Logik von Effizienz, wirtschaftlichen Mehrwert und Kontrolle hinausgehen, werden gar nicht erst einbezogen und Hochschulen so weiter zum Dienstleister einer suggerierten Alternativlosigkeit. Lernsubjekte werden vom Menschen mit individuellen Lebensentwürfen und Bedürfnissen zu Lehrobjekten. Damit werden sie bloße Zielscheibe möglichst (zeit)effizienter Ausbildung.  Das Beklagen dieser Armut an gedachten und realen Alternativen ist nicht neu und gehört in jedem sozialwissenschaftlichen und philosophischen Studium zum (guten) Ton, muss jedoch, um eine kritische Distanz zur omnipräsenten Erhöhung des Leistungsdrucks zu wahren, auch weiterhin hochgehalten werden.

Um einen Einspruch direkt vorwegzunehmen: Ja, „die“ Gesellschaft darf erwarten, dass Studierende zu einem bestimmten Zeitpunkt ihr Studium abschließen oder in welcher Form auch immer eine Gegenleistung für das von der Allgemeinheit finanzierte Studium erbringen. Doch muss man kein Freigeist oder Anhänger des oft bemühten humanistischen Bildungsideals sein, um zu erkennen, dass hier etwas aus dem Gleichgewicht gerät, was ohnehin schwer auszutarieren ist: Die politischen, gesellschaftlichen, ja auch volkswirtschaftlichen Ansprüche an Absolventen auf der einen, und die nicht direkt quantifizierbare Ausbildung von mündigen und selbständigen Akademikern, die während ihrer Hochschullaufbahn nach links und rechts schauen konnten, auf der anderen Seite. 

Besonders gravierend ist in diesem Zusammenhang, dass mit der Novellierung auch eine partielle Schwächung der demokratischen Strukturen an Hochschulen stattfindet. Die ohnehin von „Personalmangel“ geplagten Studierendenschaften, die einst Ausdruck einer Demokratisierung der Gesellschaft sein sollten (und weiterhin sein sollten!), verkümmern im Denken des Referentenentwurfs zur Verhandlungsmasse: Paritätische Stimmenverteilung im Senat? Optional. Studienbeiräte, in denen Studierende gleichberechtigt über Prüfungsordnungen beraten? Optional. Eine Vertretung für die schwächste Beschäftigtengruppe? Optional. Wer so mit Mitbestimmungsrechten von Studierenden umgeht, muss sich über fehlende staatsbürgerliche Kompetenzen nicht wundern.

Im letzten Quartal geht es in die heiße Phase

Kreative Angebote macht dieses Hochschulgesetz nicht. Im Großen und Ganzen setzt es auf die heilende Wirkung von Zwangsmaßnahmen und reiht sich damit in ein gesamtpolitisches Klima ein, dass stetig mehr Kontrolle und Effizienz als Lösung aller Probleme verspricht. Doch wäre es allzu müßig, sich Untergangsphantasien hinzugeben. Das neue Hochschulgesetz ist ein Baustein unter vielen, die ein gutes Studium ausmachen – wenn auch ein sehr gewichtiger. Auch musste das MKW unter Ministerin Pfeiffer-Poensgen bereits kurz nach Veröffentlichung ihres Eckpunktepapiers im Januar einige (wenn auch kleine) Rückzieher machen: Die Vertretung der studentischen Hilfskräfte (zunächst noch als „Fremdkörper“ bezeichnet) bleibt als Optionsmodell bestehen, ebenso die Studienbeiräte. Die Verfasste Studierendenschaft dürfte in den nächsten Monaten deutlich an Bedeutung gewinnen. Kurzfristig, um den Protest weiter überparteilich stark zu machen und mittel- wie langfristig, um alternative Wege in der Hochschulpolitik, die längst vorhanden sind und realisierbar wären, hochzuhalten. Was es braucht, sind Hochschulen, die den wachsenden (oder auf hohem Niveau stagnierenden) Studierendenzahlen mit guter Ausstattung und Betreuung gerecht werden und dabei die Mitbestimmungsrechte der Studierendenschaft als Ganze sowie der individuellen Verantwortung der Studierenden Rechnung trägt.

Zur Person

Markus Wessels (23)

schließt derzeit sein Bachelorstudium der Politik- und Wirtschaftswissenschaften an der Bergischen Universität Wuppertal ab. Während seines Studiums engagierte er sich zwei Jahre lang im Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA), darunter von Juli 2017- Januar 2018 als Vorsitzender. Im Juli 2018 endete seine AStA-Mitgliedschaft.


Quellen:

  • www.mkw.nrw/fileadmin/Medien/Bilder/Startseitenmeldungen/externe_Projekte/Referentenentwurf_Hochschulgesetz.pdf,  
  • www.studierendenwerke-nrw., 
  • www.destatis.de, 
  • www.nds-zeitschrift.de/nds-4-2018/studienerfolg-studieren-nach-schema-F,