Wuppertal

Ein Beitrag zur Sprachpflege

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Wer nicht zeitnah aufgestellt ist, um die aktuellen Aufgaben zu adressieren, hat wohl keine Lösungen hinterlegt…

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von Jakob Steffen


Ich weiß, dieserart feuilletonistische Bemerkungen zu Modewörtern gab es schon Hunderte – ohne, dass sie groß etwas bewegt hätten. Modewörter kommen und gehen eben, wie es ihnen beliebt; wahlweise aus dem englischsprachigen Raum entlehnt oder den Launen heimischer, teilweise bedenklicher Sprachschöpfung entsprungen. Sie verbreiten sich jedes Mal aufs Neue mit diesem aufdringlichen Gehabe scheinbarer Modernität und polyglotter Weltgewandtheit (ein „weißer Schimmel“, ich weiß; aber doch ein sehr hübscher, oder?) – und sind meist doch das genaue Gegenteil davon. Insbesondere peinliche Ableitungen aus dem Englischen fallen in diese Kategorie, und sind dabei noch unerträglicher als die wenigstens im Original übernommenen Anglizismen.

Doch genug der Vorrede; denn den konkreten Anlass zu diesem Beitrag bieten vier Wörter, die in der jüngeren Vergangenheit im öffentlichen Sprachgebrauch geradezu Amok gelaufen sind, deren Omnipräsenz längst das Niveau des Nervigen in Richtung des Schmerzhaften verlassen hat, und ohne deren penetrantes Auftauchen kaum mehr eine Besprechung oder auch nur Unterhaltung zu haben ist; die so Gescholtenen sind „zeitnah“, „aufgestellt“, „adressieren“, und – besonders en vogue – „hinterlegen“.

Wie so oft bei Modewörtern, erscheinen sie ihren Nutzern nach einiger Zeit der unreflektierten Wiederholung schon sehr bald – um es mit einem Wort der Kanzlerin zu sagen – alternativlos: Wer nutzt heute schon das gute alte „bald“ anstelle von „zeitnah“; vom traditionell angehauchten, beinahe großväterlichen „zügig“ einmal abgesehen? „Zeitnah“, das umweht natürlich der Wind von sprachlicher Noblesse, die ja bekanntlich oblige ist – denkst‘de. Nicht nur vollkommen überflüssig, ist diese Wortschöpfung auch noch inhaltlich Schwachsinn, denn die Zeit ist stets im Fluss und niemals ein konkreter Punkt – es sei denn, sie wäre im „Zeitpunkt“ eben genauso benannt. Dass aber etwas nahe an der Zeit sein soll, ist damit so sinnfrei wie unmöglich und sollte folglich lieber gar nicht erst versucht werden.

Fußballmetaphern sind des Weiteren ja schon immer der Deutschen liebstes Sprachkind gewesen: Was dem Engländer seine martialischen Marinemetaphern, das sind dem Michel nun mal seine Anleihen beim Königsspiel der Teutonen: „Steilvorlage“, „Zeitspiel“, „den Ball flach halten“ und eben das nunmehr allgegenwärtige Adjektiv „aufgestellt“, sie alle sind diesem Vokabel-Strafraum – pardon – entsprungen. Wenn Politiker, Manager und Kleingartenvorstände heutzutage von der Organisation ihrer Parteien, ihren Unternehmen und ihren Satzungen zur korrekten Heckenpflege sprechen, ist nie die Rede von gut oder schlecht „organisiert“ oder „vorbereitet“; nein, sie alle reden nur noch von „aufgestellt“, als ob das Leben nur aus Ballsportarten bestünde.

Sehr krass auch diese, obendrein sprachlich unschöne 1:1-Übertragung aus dem Englischen, die – ganz so wie ein Bärenklau, der sukzessive den Garten des eigenen Sprachschatzes überwuchert – ihr Unwesen treibt, wann immer es um die Reaktion auf eine Herausforderung oder etwas Kritisches geht: Derartige Probleme werden heute nicht mehr „angesprochen“, geschweige denn „angegangen“ oder auch nur „erkannt“; sie werden „adressiert“. Bereits im Englischen ein fragwürdiges Modewort (meist in Verbindung mit dem verharmlosenden Vakuum-Wort issue anstelle von problem; beide werden dann jedoch gruseligerweise gleichermaßen addressed), was im PR-Sprech schon dort schöne Wörter wie recognise oder einfach nur answer verdrängt hat, wird die endgültige Veredelung des verbalen Nonsens durch den Überlauf ins Deutsche erreicht – Erkennbar lediglich durch den Verlust eines „d“ unter gleichzeitigen Hinzugewinns eines „i“ in the process, sozusagen. Früher wurde bei uns nur die Post „adressiert“ und sonst nichts; neuerdings geht das auch mit rein abstrakten Beschreibungen und konkreten Aufgabenstellungen, so, als hätten diese alle irgendwo versteckt einen Briefkasten angebracht.

Doch das wahrlich größte Kaliber unter all diesen Rohrkrepierern ist jenes Verb, das sich mit der Aura des Akademischen umgibt, diesem Hauch, der/die SprecherIn schaue durch und hinter die Dinge – wenn er oder sie eben seine Antworten, Lösungsansätze oder gar Heiratsanträge mit konkreten Aktionen „hinterlegt“. Hinterlegen, das ist das neue „Unterfüttern“, das für sich bereits ein enormes, aber wenigstens lustiges Kuriosum war. Hinterlegen, das geht einem einfach besser von der Zunge als „untermauern“ (klingt so nach harter Arbeit), „verdeutlichen“ (reist so scharf den Schleier der Unschärfe fort) oder auch „verbinden“ (klingt zu sehr nach Verbindlichkeit). Trotzdem bleibt es Blödsinn; denn Duden, Wahrig und Co. stellen fest, dass „hinterlegen“ eigentlich „deponieren, in sichere Verwahrung geben“ bezeichnet.

Beobachten Sie sich mal selbst, wie oft sie diese Modewörter benutzen – und dann gehen Sie das Problem an, zügig und entschlossen, und untermauern Sie das mit alternativen Wörtern, mit denen Sie ja dann vielleicht schon für den nächsten Trend gut…äh…gerüstet sind.