Nordrhein-Westfalen, Deutschland und die Welt

‚Sparwut‘ und Leistungsbilanzüberschüsse – Warum die Deutschen zu viel sparen

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Von Jakob Steffen


Es scheint eine offensichtliche Tugend zu sein: Der besondere Hang der Deutschen zum Sparen. In diesen Monaten widmet sogar das Deutsche Museum in Berlin dem Thema eine eigene Ausstellung und belegt damit einmal mehr, wie spätestens seit dem nationalen Trauma der Hyperinflation Ende der 1920er Jahre das Sparen den Deutschen gleichsam in die DNA übergegangen ist. Dabei belegt bereits dieser letztgenannte Zusammenhang die ganze ökonomische Widersinnigkeit eines Sparverhaltens, das nur noch als exzessiv angesehen werden kann und längst auch auf staatlicher Ebene Wurzeln geschlagen hat. Ökonomisch widersinnig deshalb, weil eine aus dem Ruder laufende Inflation als die vermeintliche Triebfeder hinter der deutschen Sparwut vor allem die Sparer träfe, deren Ersparnisse dann an Kaufkraft verlieren, während die Schuldner von der Entwertung ihrer Geldschulden sogar profitierten.
Ursächlich für die abnorme Sparneigung ist daher nicht nur das Trauma der Hyperinflation, sondern vor allem eine regelrechte, bereits Generationen währende Indoktrinierung (auch durch den hiesigen, neoklassischen Mainstream in der Volkswirtschaftslehre) zu Gunsten der Sparsamkeit. Zeugnis dafür legt etwa die berühmte Spardose ab, die noch heute viele Schulkinder von ihrer lokalen Sparkasse zur Eröffnung ihres – genau – Sparbuchs erhalten.
Aber was genau ist denn nun so schlecht am Sparverhalten? Es kann doch nicht falsch sein, Vorsorge für das Alter und schlechte Zeiten zu betreiben? Hier kommen John Maynard Keynes, britischer Ökonom sowie viele seiner nachfolgenden Kolleginnen und Kollegen ins Spiel, die erkannt haben dass das, was für den einzelnen Haushalt oder Betrieb sinnvoll sein mag, deshalb in der Summe aller Haushalte oder Unternehmen nicht zwangsläufig auch gut für die Volkswirtschaft als Ganzes sein muss. Schon gar nicht aber gelten die Regeln des individuellen Haushaltes und seiner Finanzen gleichermaßen für den Staatshaushalt; ein Irrtum, der sich sogar in den Spitzenetagen des Finanzministeriums und regelmäßig am Kabinettstisch wiederfindet, so auch aktuell mit der schon beinahe zum Fetisch überhöhten Politik der „Schwarzen Null“ (s. dazu  Beitrag im Makronom).
Das Werkzeug zum Verständnis der Unvernunft übermäßigen Sparens ist die sogenannte Saldenmechanik, ein einfaches, aber sehr wirkmächtiges Instrument zur Analyse von Finanzierungsströmen in einer Volkswirtschaft.
Die Saldenmechanik beinhaltet eine so einfache Aussage, dass sie fast schon wieder trivial anmutet. Die Kernaussage lautet: Die Summe der Finanzierungssalden von Haushalten, Unternehmen, Staat und Ausland muss Null ergeben. Finanzierungssaldo meint dabei schlicht die Veränderung des jeweiligen Geldvermögens (Achtung: nicht Sachvermögens!) des Sektors: Bildet er einen Finanzierungsüberschuss, vergrößert sich sein Geldvermögen; bildet er ein Defizit, verringert es sich. Und wenn nun ein oder mehrere Sektoren zusammengenommen Finanzierungsüberschüsse bilden, dann müssen die verbleibenden Sektoren unter dem Strich Defizite bilden – denn sonst würde ja Geld gleichsam „im All schweben“, da alle Sektoren der Volkswirtschaft von der Mechanik erfasst werden, plus Ausland. Die Saldenmechanik ist nun kein Instrument zur Verhaltensanalyse oder gar -prognose der einzelnen Sektoren; sie erlaubt also keine Aussagen à la: „Der Sektor a möchte etwas, weil Sektor b etwas anderes tut“ (im Fachjargon ausgedrückt: Die Saldenmechanik bietet keine mikroökonomische Fundierung. Ganze Sektoren können schlechterdings auch nichts „wollen“). Doch sie erlaubt klare und eindeutige Aussagen über die Finanzierungszusammenhänge zwischen den Sektoren, die sich eben zu Null saldieren müssen.

Sparrow_Beitrag Sparwut_Schema Saldenmechanik
Schaubild

Und hier kehren wir zum konkreten deutschen Fall zurück: Bilden die Haushalte, wie hierzulande gegeben, zusätzliches Geldvermögen in großem Umfang, hält der Staat zugleich an seiner strikten Nicht-Verschuldung im Sinne der „Schwarzen Null“ fest, und bildet obendrein auch noch der Unternehmenssektor widersinnigerweise Geldvermögens-Überschüsse, anstatt diese in Investitionen (also in die Bildung von Sachvermögen) zu lenken, dann muss der resultierende gesamtwirtschaftliche Finanzierungsüberschuss unweigerlich ins Ausland fließen – und das nennt man dann Leistungsbilanzüberschuss (nun, streng genommen nennt man das Kapitalbilanzdefizit, da Kapital aus dem Inland netto an das Ausland abfließt – dieser Saldo aber ist einfach nur das Spiegelbild der Leistungsbilanz mit umgekehrtem Vorzeichen, s. Schaubild)1. Auf diese Weise hat Deutschland in den vergangenen Jahren ein Nettovermögen im Ausland in einer geradezu absurden Höhe von 1,93 Billionen Euro gebildet (Stand Ende 2017; Nettovermögen bezeichnet hier den Saldo aus den deutschen Forderungen gegen das Ausland, also dem sog. Bruttovermögen i.H.v. 8,35 Bio. Euro und den deutschen Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland i.H.v. 6,42 Bio. Euro).
Und jetzt kommt der Haken: Anstelle von Gütern und Infrastruktur, in die die deutsche Volkswirtschaft statt des im Ausland geparkten Geldvermögens zusätzlich hätte investieren oder die sie wenigstens hätte konsumieren können (was letztlich der Zweck allen menschlichen Wirtschaftens ist), ist dieses überwiegend in Wertpapieren und Kreditforderungen aller Art gehaltene Vermögen jederzeit ausfallbedroht, zumal ein Gutteil davon in Fremdwährung denominiert ist.
Und das ist kein Mondszenario, sondern zuletzt erst 2007/08 in der Finanzkrise rund um amerikanische Hypothekendarlehen und den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers so geschehen. In wenigen Monaten werden dann die in Wertpapieren geparkten volkswirtschaftlichen Ersparnisse von Jahren ausgelöscht. Hier zeigt sich eine weitere, unheilvolle Konsequenz aus dem von Donald Trump angezettelten Handelskrieg: Ufert dieser aus, ist das deutsche Auslandsvermögen von massiven Verlusten bedroht.
Plakativer ausgedrückt: Die Bundesrepublik hat über Jahre hinweg Kapital in das Ausland exportiert, nicht etwa, weil sie übermäßig wettbewerbsfähiger als Andere wäre (wiewohl der schwache Euro-Wechselkurs das tatsächlich maßgeblich bewirkt hat), sondern weil sie dafür schlicht und kritischerweise keine Verwendung im eigenen Land gefunden hat. Und das ist der Grund, warum das individuell zweifellos sinnvolle Sparen im nationalen Übermaß langfristig mehr Probleme als Nutzen stiftet.


1 Einige LeserInnen – zumal wenn sie bereits während der Lektüre gegoogelt haben – mögen nun irritiert sein, dass die Bundesbank für die deutsche Kapitalbilanz entgegen dem hier Gesagten ein sattes Plus ausweist. Das allerdings ist lediglich einer (aus meiner Sicht irreführenden) Änderung der Vorzeichenkonvention in der Zahlungsbilanz geschuldet: Die Bundesbank hat 2014 das vorherige Minus in der Kapitalbilanz in ein Plus umgekehrt, weil so besser zum Ausdruck gebracht werde, dass mit den Kapitalexporten ja deutsches Auslandsvermögen gebildet werde (s. Monatsbericht der Dt. Bundesbank, Juni 2014, S. 59). In der Tat – genau das ist ja das Problem, wie hier aufgezeigt.